Rheinpfalzbericht - Dem Glöckchen hinterher auf der Suche nach Vermisste

Das unwegsame Gelände des Truppenübungsplatzes war am Samstag Schauplatz einer besonderen Übung: Die Rettungshundestaffeln Kaiserslautern - Region Westpfalz und Nahe-Hunsrück trainierten mit ihren Flächensuchhunden im Gebiet des früheren Erzweilerhofs den Ernstfall.

 

Max Heins Schädel sieht nicht gut aus. Eine offene Wunde am Hinterkopf, verschmutzt, geschwollen, nicht mehr blutend. Wie die Ersthelfer ihn versorgen, kann über Leben und Tod entscheiden. Zur Beruhigung der Leser: Max Hein geht es gut. Die Wunde wurde dem Aktiven der Rettungshundestaffel Kaiserslautern am späten Samstagvormittag in der Kaserne auf dem Kuseler Windhof vom Team um Reservist Harry Schreiner aus Idar-Oberstein angeschminkt. Die Maskenbildner sind gleichzeitig ausgebildete Sanitäter. Sie gehören zum Kreisverbindungskommando (KVK) Birkenfeld, das zum wiederholten Mal eine ganz besondere Form der zivil-militärischen Zusammenarbeit mit Leben füllte: Auf dem Truppenübungsplatz, dort wo früher die Gebäude des Erzweilerhofs standen, trafen sich die Rettungshundestaffeln Kaiserslautern und Nahe-Hunsrück zur fünften gemeinsamen Übung der beiden rund 35 Mitglieder starken Vereine. Für die Staffel aus Niederwörresbach bei Idar-Oberstein war es der erste Auftritt im Kreis Kusel überhaupt. Für die Lauterer gehört der Landkreis auch im Ernstfall zum Einsatzgebiet.

Es ist heiß und staubig auf der Höhe, Strom kommt aus dem Aggregat, Kühlung für die Hunde in den Autos durch nasse Tücher. Nicht nur deshalb haben 27 Ehrenamtliche und 15 Flächensuchhunde keinen Blick für die Rundumsicht Richtung Potz- und Königsberg. Sie sind angetreten, um im unwegsamen Gelände versteckte Helfer wie Max Hein zu suchen, zu finden und zu versorgen.

Zuerst allerdings heißt es warten. Die Zugführer sammeln Informationen, grenzen sinnvolle Suchgebiete ein, übertragen die Daten in Karten und in GPS-Geräte, überlegen schließlich, welche Hunde ihre Stärken in welcher Topografie am besten ausspielen können. Geduld und Konzentration, sagen die Retter in der leuchtenden Sicherheitskleidung während der scheinbar endlosen Pause zwischen Ankunft und Suchbeginn, gehörten auch im Ernstfall zu den obersten Tugenden.

Ausgebildete Flächensuchhunde arbeiten im Gelände weitgehend selbstständig, die Helfer aber müssen ihre Arbeit gut koordinieren. Deshalb diente die Übung auch der logistischen und organisatorischen Feinabstimmung in der Informationskette von Einsatzzentrale und Zugführer ganz oben und Suchteams ganz unten sowie der Fortbildung mehrerer Gruppenführer.

Team Kaiserlautern II bilden Martina Korn und der Kuseler Matthias Luserke-Jaqui mit der Leonberger Emma. Der Wind steht schlecht in ihrem Abschnitt, Rehe und Wildschweine haben für die Hundenase verführerische Spuren hinterlassen. Dichtes Gebüsch und Abbruchkanten erschweren Sicht und Durchkommen, Geröll rutscht unter den Profilsohlen, Dornen verhaken sich in der Kleidung, Äste schnellen ins Gesicht, Insekten schwirren um den Kopf. Luserke hat Emma, so gut es geht, im Blick, folgt dem Klang ihres Halsbandglöckchens, motiviert sie, wenn der Leonberger mit seinem dicken Fell der Hitze Tribut zollen will; ruft sie zurück, wenn sie Wild aufgescheucht hat. Martina Korn behält derweil den Kurs per GPS im Auge, stimmt sich per Funk mit der Einsatzzentrale ab. Der Beobachter erfasst von Minute zu Minute mehr, wie es passieren kann, dass Vermisste trotz intensiver Suche gelegentlich nie oder zumindest nicht rechtzeitig gefunden werden. „Die Hunde und die Helfer leisten im Rettungsdienst Schwerstarbeit. Aber die Bedingungen heute sind eigentlich gut”, sagt Einsatzkoordinator Josef Stemler später. „Es ist hell und trocken. Bei Regen, in der Nacht oder im eiskalten Winter sind die Verhältnisse im Gelände ungleich schwieriger.”

Team II steht derweil hart an der Grenze zwischen Motivation und Frust. Emma hat, wie alle Suchhunde, Spaß an diesem Spiel nach festen Regeln. Aber sie hat keine Person gefunden. Fast eine Stunde dauert die Tour schon, alle sind erschöpft. „Habe ich die Signale des Hundes nicht richtig verstanden?”, fragt sich Luserke. „Konnte der Hund bei diesen Windverhältnissen auf meinem Kurs wirklich das gesamte Gelände erfassen?”, überlegt Korn. Noch einmal heißt es „Emma, such voran!” Dann meldet der Suchtrupp, dass er abbricht. Gleichzeitig fordert Korn ein frisches Team für den Geländeabschnitt an. „So wie die Verhältnisse hier sind, könnte ich jetzt nicht guten Gewissens sagen, dass dieser Abschnitt tatsächlich ganz sauber abgesucht ist”, erläutert Luserke.

Bald darauf steht fest, dass es bei dieser Suche kein Opfer zu finden gab. Das Gebiet war leer - so wie es auch in der Realität oft genug passiert. Emma also hat einen richtig guten Job gemacht und ihre Belohnungswurst völlig zu Recht erhalten. Auch Matthias Luserke und Martina Korn haben bald noch ihr Erfolgserlebnis. Mit vertauschten Rollen und Korns Magyar Vizsla-Rüde Zavar geht Team II nach kurzer Erholungspause noch einmal ins Gelände. Dieses Mal wartet ein geschminktes Übungsopfer tatsächlich schwitzend auf seinen Retter auf vier Pfoten.

Quelle: Pressebericht

Bildquelle: DIE RHEINPFALZ - Westricher Rundschau Ausgabe: Nr.181 vom 06.08.12 Foto: M. Hoffmann

Textquelle: DIE RHEINPFALZ - Westricher Rundschau Ausgabe: Nr.181 vom 06.08.12, Bericht von Klaudia Gilcher